Zum Inhalt springen
01Wissenschaft

Das Leben im Schatten des Burnouts

In Portugal nimmt die Burnout-Krise alarmierende Ausmaße an. Viele Menschen berichten von einem Verlust der Lebensqualität und der Freude am Alltag.

Tobias Weber19. Juli 20264 Min. Lesezeit

Es ist ein sonniger Tag in Lissabon, die Stadt strahlt in einem hellen Licht, und doch gibt es viele, die hinter den schönen Fassaden in der Dunkelheit gefangen sind.

Unter ihnen ist Ana, eine junge Frau, die ihren Job in einer Marketingagentur als schweißtreibenden Marathon empfindet, bei dem die Ziellinie immer weiter entfernt zu sein scheint. Vor ein paar Monaten wusste sie nicht einmal, dass sie sich in einer Krise befand. Nun bezeichnet sie sich selbst als wandelnde Hülle; ein Schatten ihrer früheren Selbst.

Ana ist nicht allein. Immer mehr Portugiesen kämpfen gegen die unsichtbare Epidemie des Burnouts. Laut einer Studie der Universität Lissabon sind die Zahlen in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Ein Zustand, der nicht nur die Produktivität beeinträchtigt, sondern auch die persönliche Lebensqualität massgeblich mindert. \n Zu oft wird Burnout als ein Phänomen betrachtet, das vor allem von überlasteten Managern oder hochrangigen Unternehmern betroffen ist. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Es sind die Angestellten, die in den Schichten eines Café's ausharren, die Lehrer, die überfüllte Klassenräume leiten, und die Krankenschwestern, die Tag und Nacht im Dienst sind. Diese Menschen geben alles, oft ohne die notwendige Anerkennung und Unterstützung.

Als Ana an einem warmen Junimorgen zur Arbeit ging, fühlte sie sich wie in einem alten, abgedroschenen Film gefangen. Der Weg zur Arbeit war ein ständiger Kampf. Ihr Körper wollte nicht mehr, ihre Gedanken waren schwer wie Blei. „Ich hatte kein Leben mehr“, sagt sie mit einer Mischung aus Traurigkeit und Ironie. Über Monate hatte sie ihre Grenzen ignoriert, während ihre To-Do-Listen länger wurden und ihre Energie in der flimmernden Hitze der Stadt schwand.

Der schleichende Verlust der Lebensfreude

Ana begann, sich von ihrem damaligen Leben zu entfremden. Die Dinge, die ihr einst Freude bereitet hatten – ein Besuch im Lieblingsrestaurant, ein Treffen mit Freunden – wurden zu lästigen Pflichten. „Wenn ich am Wochenende mit meinen Freunden ausgehen wollte, fühlte ich mich wie auf dem Weg zur Zwangsarbeit.“ Das ständige Gefühl, nicht genug zu leisten, lastete schwer auf ihrem Gemüt.

Diese destruktive Spirale ist kein Einzelfall. Claudia, eine Lehrerin an einer kleinen Schule in der Nähe von Porto, erlebt Ähnliches. Ihre Leidenschaft für das Unterrichten, einst das Herzstück ihrer Identität, ist nun durch das ständige Gefühl des Versagens überschatten. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich den gesamten Stoff, den ich lehren soll, nicht bewältigen kann. Es ist, als ob ich auf einem fahrenden Zug ohne Bremsen bin“, erzählt sie.

Burnout ist nicht nur ein persönliches Problem, sondern hat auch weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen. Unternehmen in Portugal erkennen zunehmend, dass unzufriedene und überarbeitete Mitarbeitende nicht nur die Abwesenheitsraten erhöhen, sondern auch die Unternehmenskultur vergiften können. Doch viele scheinen die Dringlichkeit des Problems nicht vollständig zu begreifen. Stattdessen wird oft mit Abmahnungen oder dem Aufstocken von Arbeitsstunden reagiert, anstatt eine Kultur des Wohlbefindens zu schaffen.

Die Covid-19-Pandemie hat die Lage noch verschärft. Die Einschränkungen führten dazu, dass viele Menschen in eine Isolation gerieten, die ihre psychische Gesundheit stark beeinträchtigte. „Während des Lockdowns war ich allein mit meinen Gedanken. Es gab keinen Ausweg, keine Flucht“, erklärt Ana. Die Einsamkeit, gepaart mit dem Druck, im Homeoffice die gleiche Leistung zu bringen wie zuvor im Büro, war für viele einfach zu viel.

Die Rückkehr zur „Normalität“ hat die Erwartungen an die Mitarbeitenden nicht verringert. Im Gegenteil, die wirtschaftlichen Unsicherheiten haben die Anforderungen an alle erhöht.

Ana hat in einem Coaching-Programm begonnen, um ihren Alltag neu zu strukturieren. Sie ist sich bewusst, dass der Weg zur Besserung lang und steinig ist, doch sie hat zugesagt, sich Zeit zu nehmen. „Ich habe gelernt, dass es okay ist, nicht perfekt zu sein. Manchmal muss man einfach loslassen“, reflektiert sie.

Es wird deutlich, dass es nicht nur um individuelle Praktiken geht, sondern auch um ein Überdenken von Systemen und Strukturen. In einer Welt, die ständig nach mehr verlangt, muss das Bewusstsein für die eigene Gesundheit an erster Stelle stehen. Orte des Zusammentreffens, an denen Menschen ihre Erfahrungen austauschen können, sind von unschätzbarem Wert und tragen zur Normalisierung des Gesprächs über psychische Gesundheit bei.

Hoffnung auf Veränderung

Claudia hat sich entschieden, in ihrer Schule einen Workshop zur Stressbewältigung zu initiierten. Sie hat mit Kollegen und der Schulleitung gesprochen, um Räume für Austausch und Unterstützung zu schaffen. „Es ist wichtig, dass wir einander helfen. Es kann jeden treffen, und wir sollten uns nicht schämen, darüber zu sprechen.“.

Ana und Claudia repräsentieren eine wachsende Bewegung in Portugal. Eine Gegenreaktion gegen die Stille, die traditionell mit psychischen Erkrankungen verbunden ist. Es ist eine leise Revolution, angeführt von Menschen, die bereit sind, die schädlichen Normen zu hinterfragen und eine Kultur des Wohlbefindens langfristig zu etablieren.

Die Herausforderung bleibt groß. Die Stigmatisierung, die mit psychischen Erkrankungen verbunden ist, wird nicht über Nacht verschwinden. Doch das Licht, das durch die Ritzen der Fassade bricht, deutet auf eine Veränderung hin. Immer mehr Portugiesen sind bereit, über ihre Erfahrungen zu sprechen, und vielleicht ist das der erste Schritt zur Überwindung des Burnouts.

Ana hat kürzlich einen kleinen Triumph gefeiert. Sie hat ihren ersten Urlaubsantrag seit zwei Jahren eingereicht. „Es fühlt sich an, als würde ich wieder leben“, sagt sie mit einem Lächeln, das von Herzen kommt. Während Lissabon in seiner gewohnten Helligkeit erstrahlt, sieht sie zum ersten Mal die Stadt mit neuen Augen.

Die Strassen sind nicht mehr nur ein Weg zur Arbeit, sondern ein Ort, an dem Erinnerungen entstehen könnten.

So unterliegt die Burnout-Krise in Portugal nicht nur der individuellen Verantwortung, sondern ist auch ein gesellschaftliches Thema, das dringend angegangen werden muss. Der Weg zur Heilung ist lang, aber die ersten Schritte werden bereits gemacht. Vielleicht können diese kleinen Veränderungen eines Tages dazu führen, dass die Menschen in Portugal nicht nur überleben, sondern tatsächlich wieder leben.

Aus unserem Netzwerk